Existenzbedrohende Risiken

Wissenswertes
Schriftgröße: +

Wie sozial ist eigentlich die Sozialversicherung?

Wie sozial ist eigentlich die Sozialversicherung?

Ich hab am Donnerstag zwei Vorlesungen zum Thema Sozialstaat gehalten und mich in Vorbereitung darauf noch mal genauer mit unserem Sozialstaat und besonders mit der sozialen Sicherung beschäftigt. Nun bin ich, was Kindergeld, Mutterschutz und Wohngeld angeht, definitiv die falsche Ansprechpartnerin, aber mit den Sozialversicherungen mag ich mich noch mal beschäftigen.

Zum einen fand ich es erschreckend, wie wenig junge Menschen überhaupt wissen, dass wir in einem Sozialstaat leben. Von den Sätzen der Sozialversicherung mal ganz zu schweigen Dabei ist das für jeden Arbeitnehmer und Azubi eine recht große Summe Geld, die jeden Monat an genau diese Versicherungen abgeführt werden.

Starten wir mal mit der Gesetzlichen Krankenversicherung. Der Beitragssatz liegt bei 14,6%. Diesen teilen sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber jeweils hälftig. Zusätzlich gibt es einen Zusatzbeitrag, den die Krankenkassen seit 2015 selbst festlegen können. Im Durchschnitt liegt dieser in 2016 bei 1,1 %.
(Mehr über die Hintergründe der Krankenversicherung und deren Entwicklung gibt's bei meinem geschätzten Kollegen Arne Lotze zu lesen: http://finanzdiskurs.de/versicherungen/krankenversicherung/krankenversicherung-und-die-kartoffel/)

Bei dem Thema sagte ein Teilnehmer immer wieder: "Abzocke". Das ist nicht richtig, aber auch nicht falsch. Zwar ändert sich der Prozentsatz recht gemäßigt, jedoch wird jedes Jahr die Beitragsbemessungsgrenze angehoben. Damit steigt der Beitrag für Gutverdiener jedes Jahr um durchschnittlich 6% und das seit über 40 Jahren. Hat schon irgendwas von Abzocke.

Auch die Leistungen werden geringer. Im Sozialgesetzbuch V ist geregelt, dass "die Leistungen wirksam und wirtschaftlich erbracht und nur im notwendigen Umfang in Anspruch genommen werden" dürfen. Wie genau dieser Umfang aber aussieht, welche Behandlungsmethoden wirtschaftlich und notwendig sind, wird aber immer wieder neu festgelegt. Wie die Rezeptgebühr von 5 €, die ehemalige Praxisgebühr von 10 €, kein Zuschuss mehr zu Brillengläsern etc. All das sind Leistungskürzungen der gesetzlichen Krankenversicherung. Und das bei steigenden Beiträgen, hat wirklich was von Abzocke.

ABER, die Leistungen, die im Durchschnitt jeder Versicherte in Anspruch nimmt, sind höher, als die Beiträge, die er einzahlt. Da wären wir nämlich wieder beim System der Sozialversicherung. Ich glaube der ein oder andere Sportler würde sich nämlich umschauen, wenn er wüsste, dass ein MRT einen Privatpatienten im Schnitt 900 € kostet, das Röntgen auf mit ein paar Hundert Euro zu Buche schlagen kann. Unter diesem Gesichtspunkt, ist es dann keine Abzocke. Wie immer haben die Medaillen zwei Seiten.

Die gesetzliche Rentenversicherung sieht da nicht viel besser aus. Derzeit beträgt der Satz 18,7%, den sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer hälftig teilen. Nun haben aber tatsächlich selbst die Teilnehmer, die ich heute beglücken durfte, bereits gewusst, dass aus der Rentenversicherung für unsere Generation wohl nicht mehr viel raus kommen wird. Wir sind diese blöde Zwischengeneration, die es braucht, wenn man ein System „unter dem laufenden Rad" umstellen will. Es gibt Verlierer, die viel Nachteile und wenig Vorteile bekommen. Das sind in diesem Fall wir. Wir zahlen eine Menge ein, werden aber wohl recht wenig bekommen, da es kaum noch Beitragszahler geben wird, die unsere Rente finanzieren, wenn wir in Rente gehen.

Ich hoffe, dass wir uns langfristig auf ein System, wie das in den Niederlanden zu bewegen (https://www.uni-muenster.de/HausDerNiederlande/Zentrum/Projekte/Schulprojekt/Lernen/Dienstleister/20/20.html ). Damit hätten zumindest unsere Enkel wieder ein wenig mehr von ihrem hart erarbeiteten Geld.

Die gesetzliche Arbeitslosenversicherung ist recht unspektakulär. Der Beitragssatz von 3%, die sich auch wieder Arbeitgeber und Arbeitnehmer teilen, ist seit 2011 konstant. Bis 2006 hat er sogar 6,5% betragen und ist dann nach unten korrigiert worden. Das System trägt und finanziert sich selbst.

Die größte Gefahr sehe ich bei der Pflegeversicherung, als Kombination mit der Krankenversicherung. Die Pflegeversicherung hat einen Beitragssatz von 2,35%, den teilen sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber wieder zur Hälfte. Ein Arbeitnehmer, der älter als 23 und kinderlos ist, zahlt zudem noch 0,25% extra. Das sind also maximal 1,425% des Bruttogehalts für den Arbeitnehmer. Ganz schön wenig würde sagen.

Wenn ich mir dagegen Berichte anschaue, wie voll unsere Altersheime sind, wie die Wartezeiten für Heime, betreutes Wohnen etc. sind, komme ich zu dem Schluss, dass eine ganze Menge Menschen pflegebedürftig ist und das die Zahl eher steigt als fällt. Und das ist doch logisch. Dank besserer medizinischer Versorgung leben wir einfach viel länger. Das heißt aber nicht, dass wir gesünder sind. Wir bekommen also nur mit Hilfe von Medikamenten und Behandlungen Krankheiten und Gebrechen in den Griff, die früher viel schneller zum Tod geführt haben.Für jeden Einzelnen von uns ist das toll. Ich mag auch nicht, wie vor 200 Jahren mit Mitte 40 bis Ende 50 an Schwindsucht sterben. Für die Sozialgemeinschaft ist das eine enorme Belastung.

Denn wenn ich mir zudem die Preise anschaue, die für einen Heimplatz oder ein Betreutes Wohnen aufgerufen werden, bekomm ich ein wenig Pipi in die Augen. Da sind mal ohne Probleme 2.000 € bis 3.500€ möglich. Was nicht heißen soll, dass es für die Leistung nicht gerechtfertigt ist. Es ist nur in den meisten Fällen um ein vielfaches mehr, als die Rente, die der arme pflegebedürftige Mensch erhält. Also was tun? Entweder wird das Haus oder die Eigentumswohnung verkauft, was eigentlich als Erbe gedacht war. Oder die Kinder werden zur Kasse gebeten. Aber wie viel Kinder muss ich denn haben, als das die nicht auch Pipi in den Augen bekommen, bei der Summe, die sie dann monatlich zu zahlen haben? Die durchschnittlich 1,4 Kinder der letzten 40 Jahre werden sich freuen.

Ist denn dann aber ein System noch als sozial zu bezeichnen, bei dem ich schon heute weiß, dass es sowohl bei der Rente, als auch bei der Krankenversicherung, als auch im Falle einer Pflegebedürftigkeit keine ausreichenden Leistungen gibt? Das ich über 20% meines Gehaltes an ein System gebe, dass sich immer nur so halbherzig traut, mal zuzugeben, dass es nicht mehr funktioniert? Dass die Leistungen immer geringer werden und ich mir eigentlich zum Ziel setzen muss 6 bis 8 Kinder zu bekommen, um im Alter, aber dann natürlich auf Kosten meiner Kinder, einigermaßen abgesichert zu sein. Denn eine private Absicherung der Risiken Rente und Pflege in ausreichender Höhe ist für einen durchschnittlich verdienenden Arbeitnehmer mit 1 bis 2 Kindern überhaupt nicht möglich.
Wer ist denn mal so sozial und äußert diese Missstände?

Die Sozialversicherung war eine tolle Idee,
Absicherung der größten Risiken für alle, voll ok.
Doch heute bleiben derer trotz Versicherung noch viel,
es scheint künstliche Beibehaltung ist das neue Ziel.
Denn das Geld ist zum „Sterben zu viel, zum Leben zu wenig",
ich bin heute nur mit privater Absicherung ein kleiner König.

Pflege – Wer soll das bezahlen?
Nur DU kannst was gegen geldgeile, schlechte Berat...

Ähnliche Beiträge